Sehr kurzfristiger Info-Anlaß zu Erdgas-Anschluß: Thusis wird fossil…

4. Mai 2013
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Eine weitreichende Sache ist wohl der Anschluß von Thusis an den fossilen Energieträger Erdgas. Insofern verwundert, daß auf einen Infoanlaß vom Dienstag erst am Freitag – also stattliche 2 Werktage vorher – am 2. Mai seitens der Gemeinde hingewiesen wird.

Zumindest Leser außerkantonaler Presse erfuhren davon, daß das Projekt der Erdgaserschließung des Domleschg nicht unumstritten war (und ist).

Zumindest Leser außerkantonaler Presse erfuhren davon, daß das Projekt der Erdgaserschließung des Domleschg nicht unumstritten ist.

Ob die fossile Energie Erdgas wirklich zur Energiewende gehört, wie es manche Stromkonzerne anpreisen, gilt unter Energie-Experten – um es zurückhaltend zu formulieren – als äußerst umstritten.

Erdgas ist zudem nicht ganz ungefährlich. Durch lecke Leitungen kann sich sogar Gas in Kellern von Häusern sammeln, welche gar nicht selbst einen Erdgasanschluß gewollt haben. Und zu Explosionen führen. Nun wird das Domleschg “Erdgasland”. Erdgas-Kessel wurden zuvor in Maienfeld und Ems eingerichtet.

Die Erdgaskessel werden von der Zentrale der Ebrag bzw. der IBC Chur aus fernüberwacht. In einem nicht-datierten Artikel im Haustech-Magazin  versichert Marco Girelli von der IBC Chur: «Wenn da etwas passiert, sind wir blitzartig vor Ort»,

Leitung aus den 60er-Jahren

Nach knapp zehn Jahren aufwändiger Planung und Verhandlungen ist die Übernahme der Ölleitung zwischen Maienfeld und Thusis durch die Erdgasversorgung Bündner Rheintal AG (Ebrag) vor einiger Zeit besiegelt worden.

In den 60er-Jahren in Betrieb genommen und 1997 stillgelegt. Davor transportierte die Erdöl-Leitung «Oleodotto del Rheno» Öl von Genua nach Ingolstadt (Deutschland). Überlegungen, sie die Öl-Leitung in eine Erdgas-Hochdruckleitung umzunutzen, scheiterten an an der Bauart. Denn die “pipeline” ist verjüngend gebaut.

Durch etliche Millionen in eine nicht unbedingt zukunftsorientierte Energie wie Erdgas, welches zum Beispiel aus Ländern wie Rußland kommt, wurde nun doch Graubünden bis Thusis Erdgas-Kanton.

Mitten im Erdgas-Geschäft: Das Domleschg

Mitten im Erdgas-Geschäft: Das Domleschg

Im Domleschg war und ist das Projekt umstritten. Und auch heute fragt sich, ob Erdgas wirklich die zukunftsweisende Energie ist. Die IBC verkauft in einer aktuellen Medienmitteilung das Projekt als “Energiewende”. Es dürfte viele Menschen geben, die Kohle, Erdgas und Atomkraft nicht zu den neuen Energien zählen, welche zu dem Wort “Energiewende” passen.

Die IBC erschließt die Gemeinde Thusis ab der Erdgas-Hochdruckleitung der Erdgasversorgung Bündner Rheintal AG. In einer ersten Etappe bis im Herbst 2014 werden über den Schützenweg das Gebiet nahe der Compognastraße und Teile der Neudorfstraße erschlossen.

Die IBC preist das Projekt unter anderem auch damit an, daß “Aufträge für das lokale Gewerbe” locken. Wörtlich: “Für den Bau der 2.4 Kilometer langen Versorgungsleitung investiert die IBC zirka 2 Mio. Franken, wobei auch Aufträge für das lokale Gewerbe anfallen. Weiter heißt es: Die IBC ist von der längerfristigen Bedeutung von Erdgas und Biogas überzeugt, und die Gemeinde Thusis sieht in der Erdgas-Erschließung eine Stärkung der Standortattraktivität.

Marco Girelli von der IBC Chur: «Wenn da etwas passiert, sind wir blitzartig vor Ort»

Marco Girelli von der IBC Chur: «Wenn da etwas passiert, sind wir blitzartig vor Ort» (Foto Gasexplosion: Polizei24.ch)

Hierzu ist anzumerken, daß sich Klaudia Kleis-Kümin in der früheren Diskussion z. B. in der NZZ mit den Worten “sie habe wenig Verständnis” für die Gegner des Projektes zitieren ließ. Wörtlich schreibt die NZZ im September 2011:

Dennoch schlägt dem Großprojekt, das mit 400 bis 500 Millionen Franken projektiert ist, weiterhin Skepsis entgegen. Kleis-Kümin hat wenig Verständnis dafür und spricht von «einem wirklich guten Projekt, von dem die ganze Region profitieren könnte».

Die IBC preist das Projekt “Erdgas fürs Domleschg” unter den Titeln Versorgungssicherheit und Energiewende an. Wörtlich:

Im Rahmen der Qualitätssicherung überprüft die IBC ihr Erdgas-Versorgungsnetz jedes Jahr, damit die Sicherheit und zuverlässige Versorgung jederzeit sichergestellt werden kann.

Im Rahmen der Energiewende wird Erdgas und Biogas noch stark an Bedeutung gewinnen. Im Bereich der Wärmeerzeugung im Wohnbereich sowie für Prozeßenergie in der Industrie gibt es auf dem Markt sehr kostengünstige und bewährte Lösungen. Neuere Technologien wie Erdgas-Wärmepumpen oder stromerzeugende Heizungen erschliessen neue Anwendungsbereiche sehr energieeffizient.

Erdgas ist bei der Verbrennung sehr sauber. So emittiert Erdgas im Vergleich mit Heizöl 25 % weniger CO2 und über 70 % weniger Stickoxide. Jeder Erdgas-Kunde der IBC kann sich zudem für das klimafreundliche Biogas entscheiden. So können sämtliche Erdgas-Anwendungen mit derselben technischen Installation praktisch CO2 neutral genutzt werden.

Am 7. Mai 2013 um 20 Uhr findet in der Aula Thusis ein öffentlicher Informationsanlaß statt. Interessierte erhalten Informationen über die geplanten Bauetappen, über Erdgas / Biogas als Energieträger sowie über mögliche Erdgas-Anwendungen. Die IBC zeigt auf, wie das Vorgehen ist, wenn jemand seine Liegenschaft an das Erdgasnetz anschließen möchte. Der Anlaß wird mit einer Fragerunde und einem Apéro abgerundet.

Was eine interessante Frage wäre an dem Infoanlaß,  da es leider in der – ansonsten äußert wortreichen – Medienmitteilung der IBC nicht erwähnt wurde: Woher kommt das Erdgas, das ins Domleschg nach Thusis transportiert wird? Rußland? Iran?
Die Schweiz hat über die Elektrizitäts-Gesellschaft Laufenburg (EGL), mit der Islamischen Republik Iran einen Vertrag über die Lieferung von 5,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich abgeschlossen.
Die Schweiz, genauer die Elektrizitäts-Gesellschaft Laufenburg (EGL), hat mit der Islamischen Republik Iran einen Vertrag über die Lieferung von 5,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich abgeschlossen. (wir erinnern uns alle an die schönen Bilder, die damals von der kämpferischen Frauenrechtlerin, Bundesrätin Calmy-Rey entstanden waren)

Oder wird darauf gesetzt, daß ausländische Energiekonzerne das höchstumstrittene “fracking” (zu Deutsch: Rißbildung) im Bodensee (und anderen Gewässergegenden wie dem Seeland) doch durchsetzen können und man auf diesen Zug aufspringen kann? Nationalrat Lukas Reimann (SVP) äußert dazu:

“Da der Bodensee für über vier Millionen Menschen als Trinkwasserspeicher dient und für die Region eine enorme Bedeutung hat, stellt das Projekt ein nicht hinnehmbares Risiko für die Umwelt, die Sicherheit und den Tourismus in der Bodenseeregion dar. Das ist von Bedeutung für die ganze Schweiz. Ich erwarte vom Bundesrat, daß er sich gegen die umstrittenen Pläne einsetzen und die Schweizer Interessen auch gegenüber Deutschland zu dieser Frage konsequent geltend machen wird.”

Ausführlicherer Bericht:

Rhätische-Zeitung.ch

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