Obermutten, Jung von Matt und die umstrittene Facebook-Aktion: Verheerende Bilanz

29. September 2012
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Wer auf der von Obermutten vermeintlich eingerichteten FB-Seite auf “gefällt mir” drückt, dessen Profilbild wird auf einem Anschlagbrett bzw. Schopf im Dorf platziert.

Vielleicht hätte man den 5-stelligen Betrag besser in die völlig veraltete und für Besucher extrem unkomfortable eigene Webseite investiert anstatt in die Agentur Jung von Matt in Zürich

Vielleicht hätte man den 5-stelligen Betrag besser in die völlig veraltete und für Besucher extrem unkomfortable eigene Webseite investiert anstatt in die Agentur Jung von Matt in Zürich

Das war die vermeintliche Idee des Bürgermeisters, die in Wahrheit eine fünfstellige Summe teure Idee einer Agentur der zürcher Werbe-Schickeria (Jung von Matt) war. Und die Aktion geht leider immer mehr nach hinten los.

Während es erst noch im Internet rührendste Kommentare gab, fragt sich inzwischen, wieviele von diesen Kommentaren überhaupt echt sind bzw. wieviele nur der Marketingkampagne zuzurechnen sind.

Und Blogger berichteten fasziniert: “Der Bürgermeister des kleinen Dorfes ( Obermutten hat ca. 80 Einwohner ) hatte eine wunderbare Idee.”

Die Idee löste vor einem Jahr ein weltweites Medienecho aus und auf Blogs wurde ebenfalls nur positiv geschrieben, z. B. hier: “Eine tolle Idee wie ich finde.
Doch damit nicht genug. Jetzt hat der Bürgermeister des kleinen Dorfes bereits eine neue Idee. Eine eigenes dafür hergestellte Scheune dient dafür, alles was die Fans zuschicken auszustellen.

Internetgemeinde an der Nase herumgeführt

Seitdem die Agentur Jung von Matt bekanntgegeben hat, daß alles gar keine Idee des Bürgermeisters von Obermutten war, sondern sie als Werbeagentur von Graubünden Ferien und von Obermutten offenbar beauftragt wurden und nun den Ruhm für sich beanspruchen, kamen sich nun etliche Blogger an der Nase herumgeführt vor.

Facebook und Obermutten: Die Kommentare wandelten sich

Facebook und Obermutten: Die Kommentare wandelten sich

Kommentare ehemals gerührt, jetzt hässig

Und die Kommentare im Internet wandelten sich. Ein Beispiel-Zitat der noch eher harmloseren Art: “Irgendwie hat das Projekt für mich den Reiz verloren . …/…. Also statt handgemacht sympathischer Einfachheit mit viel Herzblut nun klevere Agentur, die den Fän (zumindest den, der wegen der Echtheit Fän ist/war) enttäuscht oder sogar vor den Kopf stößt. Mir jedenfalls gehts so.”

Stroh in Gold verwandelt?

Wurde Stroh in Gold verwandelt – und – sollte man sagen: Naja, der Zweck heiligt die Mittel? Mitnichten.  “Aus 10 000 Franken Budget haben wir nach drei Monaten 2,4 Millionen Franken Medienpräsenz geschaffen”, frohlockte Cyrill Hauser von der umstrittenen Agentur Jung von Matt noch öffentlich. Doch auch hier sieht es anders aus:

Ernüchternde Bilanz

Denn in Obermutten ist laut dem «Gastrojournal» der große Erfolg völlig ausgeblieben. «Es kommen immer wieder ein paar Gäste zu uns, überschwemmt werden wir aber nicht», lautet die ernüchternde Bilanz von Gerry Flatscher, dem Wirt des Gasthauses Post.

Der Bürgermeister von Mutten kündigt "seine" Idee (damals wurde sie als das ja noch öffentlich ausgegeben) für Obermutten auf "facebook" an.

Der Bürgermeister von Mutten kündigt “seine” Idee (damals wurde sie als das ja noch öffentlich ausgegeben) für Obermutten auf “facebook” an. (Bild: FB) Im Internet gingen viele Sympthieen verloren, nachdem öffentlich wurde, daß es keine Aktion eines Bürgermeisters eines winzigen Bergdorfs, sondern die kalt-berechnete Marketing-Aktion einer der zürcher Werbe-Schikeria zugehörigen (und teuren) Werbeagentur war.

Kritik von Werbefachleuten

20 Minuten berichtet zu dem schlechten Ergebnis hinsichtlich der ausbleibenden Obermutten-Besucher (kusrsiv): “Das erstaunt Stefan Würth vom Social-Media-Unternehmen Beecom nicht. Der Weg von Facebook zur Konsumation sei weit. Für die effektiven Umsätze in der Gastronomie sei Google immer noch weit einflussreicher als Facebook. Die stärkste Wirkung habe aber nach wie vor die Mund-Propaganda.”

“Nicht zuende-gedacht”

Weiter schrieb 20 Minuten (kursiv): “Kritisch beurteilt der Kommunikationsexperte Marcus Knill die Kampagne von Obermutten: «Die Motivation, nach Obermutten zu reisen, ist durch ein ‹Gefällt mir› noch nicht gegeben. Bloß Aufmerksamkeit zu wecken, genügt nicht. Diese Kampagne ist nicht zu Ende gedacht.»

Im Internet konnte nicht einmal die so auf den Ruhm versessene Agentur Jung von Matt Lorbeeren ernten. Es hagelte in Anbetracht der ernüchternden Bilanz (“20 Minuten”) hässige Kommentare.

Ein Florian Wieser schreibt etwa: Ich versteh diese Habachtstellung gegenüber der Agentur nicht. Eine Agentur, die vorallem für sich Werbung macht. …/… Es werden total falsche Erwartungshaltungen verbreitet für den Eigenzweck. Endkunden haben nachhaltig gar nix davon und binden sich auch nicht und die Kunden wie Graubünden Tourismus haben außer ein Strohfeuer auch nix davon hat. Denn erfolg ist wenn der Schnee fehlt und trotzdem alle in Graubünden Ferien machen. Insofern liebe Werber, haut euch auf die Couch und beweihräuchert euch mit “mad men” aber laßt die finger von sozialen Medien. Das ist nix für euch.

Bumerang

Doch nicht nur, daß Obermutten keine Besucheranstürme erlebt, sondern es steht durch die mißlungene FB-Aktion auch noch als moralischer Internet-Betrüger da. Im Internet regen sich Leute auf, daß Martin Wyß nicht nur Gemeindepräsident ist, sondern auch früher auch beim Mediengiganten Südostschweiz gearbeitet hat.

Die Obermutten-Aktion des Bürgermeisters bzw. wie man ja inzwischen weiß von "Jung von Matt" dürfte keine Nachahmer anregen: Denn, wer will schon für eine handvoll Gäste ("mehrere dutzend") über "50% seiner Arbeitszeit" opfern müssen? (Zitat Gerry Flatscher, Gasthaus-Wirt) und sich zusätzlich noch bei wütenden "facebook"-Fäns öffentlich entschuldigen müssen? (Foto: FB)

Die Obermutten-Aktion des Bürgermeisters bzw. wie man ja inzwischen weiß von “Jung von Matt” dürfte keine Nachahmer anregen: Denn, wer will schon für eine handvoll Gäste (“mehrere dutzend”) über “50% seiner Arbeitszeit” opfern müssen? (Zitat Gerry Flatscher, Gasthaus-Wirt) und sich zusätzlich noch bei wütenden “facebook”-Fäns öffentlich entschuldigen müssen? (Fotoausriß Video: FB) Und dadurch, daß die Agentur Jung von Matt sich mit der Aktion öffentlichkeitswirksam schmücken wollte, sind nun sogar die Sympathiepunkte der vermeintlichen Idee eines Bürgermeisters eines winzigen Bergdorffs weg.

Man soll Martin Wyß nichts unterstellen und das wollen wir hier auch nicht tun, auch wenn Internetteilnehmer von einem “Geschmäckle” sprechen. Einige halten Obermutten auch für ein “Bauernopfer”.

Doch der Betrug an den Internetnutzern dürfte letztendlich Sympathien kosten und die wenigen, die vielleicht wirklich mal nach Obermutten gereist wären, abhalten. Für sie ist der Reiz weg.

Das kleine Obermutten mit seinem vermeintlich einfallsreichen Bürgermeister als Sympathieträger? Jetzt ist es auf einmal das Obermutten, was einen 5-stelligen Betrag (wenn die Berichte im Internet stimmen?!) geopfert hat, um die Internetgemeinschaft an der Nase herumzuführen. Das Obermutten, das als bündner Bergdörflein eine professionelle Schicki-Micki-Agentur aus Zürich beauftragen ließ.

Ganz anders sieht das Cyrill Hauser von der Agentur Jung von Matt, welche im Auftrag des Bürgermeisters die Anfrage von Domleschg24.ch beantwortete. Hauser äußert sich im Gegensatz zu den im Artikel von 20 Minuten und in anderen Medien geäußerten Kritiken von Medienexperten regelrecht euphorisch:

“Bis heute haben mehr als 75 Millionen Menschen vom Bündner Bergdorf Obermutten gelesen oder gehört. Dutzende von Menschen besuchten Obermutten, darunter Touristen aus Südkorea, New York oder Mozambique. «Es freut mich immer wieder sehr, wenn wir jemanden bei uns antreffen, der uns wegen der Facebook-Geschichte oder dem Museum besucht», sagt Gemeindepräsident Martin Wyß. Auch die Zahlen des Gasthaus Post sind gemäß Angaben des Wirtes positiv: So liegen diese in den ersten sieben Monaten 2012 klar über denen des Vorjahres. In regelmäßigen Abständen posten Fäns Fotos von ihrem Ausflug ins 1863 m ü.M. gelegene Bergdorf.”

Hat 20 Minuten falsch berichtet? Die Gratiszeitung berichtete, daß die Besucherzahlen des Wirtes enttäuschend ausgefallen wären, siehe oben.

Im Internet äußert Gerry Flatscher, der Wirt des Gasthauses von Obermutten zusätzlich sogar öffentlich, daß das Bilder-Aufhängen ihm “50% seiner Arbeitszeit wegnimmt”.

Insofern dürfte die Aktion von Jung von Matt und Martin Wyß vermutlich keine Nachahmer finden. Denn: Wer will schon für ein paar dutzend Gäste (“dutzende, so heißt es seitens Jung von Matt, das heißt mindestens 24 Gäste, was zwei dutzend entspräche.”) 50 Prozent seiner Arbeitszeit opfern?

Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung:

Wirt Gerry Flatscher dürfte die Arbeit auch in den kommenden Jahren wohl nicht ausgehen. Er wird noch viel Arbeitszeit investieren müssen, denn – so wirbt die Agentur Jung von Matt für Ihre Marketing-Aktion – Obermutten habe nun mehr Fäns als Justin Bieber.

Gut wäre es vielleicht gewesen, man hätte die Aktion mehr auf Besucher ausgerichtet. Zum Beispiel anstatt jeden am Brett und danach der Scheune anzuschlagen, nur die diejenigen zu verewigen, die wenigstens ein einziges mal auch vor Ort waren. Oder jedem, der pyhsisch (nicht nur virtuell) vorbeikommt, ein Freibier im Gasthaus zu versprechen. Jemand, der erstmal dort oben ist, wird auch etwas essen müssen oder übernachten müssen.

Es ist nie zu spät

Warum als nicht das Steuer rumreißen? Wenn Gerry Flatscher also in Zukunft nicht mehr 50% seiner Arbeitszeit investieren möchte für Leute, die nichts getan haben, außer einmal mit der Maus auf einem Mag ich-Knopf (“like button”) geklickt haben, so wäre es noch nicht zu spät, so ein (Gratis)-Tipp von Remo Maßat, Geschäftsleiter der Agentur Schlagwort AG (deren Bündner Tochter 1a Internet GmbH ist die Herausgeberin von Domleschg24.ch)

Man könnte zum Beispiel sagen, daß man vom Erfolg überwältigt ist. Man könne daher ab sofort nur noch jeden an der Anschlagtafel verewigen, der auch einmal da war.  Die Nutzergemeinde würde das verstehen und: Es wäre nicht mehr der Vorwurf möglich, welche zahlreiche Marketingleute (siehe oben) hervorbringen, daß die Aktion “nicht zuende-gedacht” wäre. So würde sich die Jung von Matt-Aktion nachhaltig auszahlen. Es kämen mehr als nur eine handvoll Gäste. Und wer einmal vor Ort war, kommt vielleicht auch wieder – bei so einem sympathischen Gasthof, wie ihn Obermutten hat. Das wäre eine nachhaltige Aktion.

Hinzu käme eine Entlastung für den Wirt des Gasthaus Post in Obermutten: Er müßte seine Arbeitszeit nur noch für Leute investieren, welche nicht bloß einmal mit der Maus im Internet geklickt haben, sondern nur für Leute, die wenigstens ein einziges mal auch wirklich den Ort besucht haben.

Wenn dies nur ein winziger Bruchteil der Fängemeinde tut, welche größer als die von Justin Bieber ist, dann – ja dann  dürfte sich die Aktion in bare Münze auszahlen und wirklich auch der winzigen Berggemeinde und nicht nur der Agentur Jung von Matt etwas Handfestes bringen.

Frage an Graubünden-Ferien und den Bürgermeister von Mutten

Graubünden-Ferien möchte den Standort Graubünden doch fördern. Warum eigentlich keine Agentur aus dem Kanton sondern eine Agentur aus Zürich, die es nicht einmal geschafft hat, bei 75 Millionen Leuten, die nun Obermutten kennen sollen, mehr als eine handvoll zum Nutzen des Kunden nach Graubünden zu holen. Dafür beweihräucherte sich die Agentur selbst und stellte den Übermeister und Graubünden-Ferien bloß. Und: Die Agentur kandidierte mit ihrer Obermutten-Aktion für einen Preis im fernen Brüssel. Den sie auch bekam. Beim Euro Effie Gold gewonnen hat Jung von Matt in der Kategorie «Most effective use of social media marketing».

Mit dem “Euro Effie” werden jedes Jahr Kommunikationsprojekte ausgezeichnet, die bezüglich Kosten-Nutzen-Verhältnis und gesetzter Marketingziele europaweit besonders wirkungsvoll, kreativ und effizient waren, heißt es. Kosten-Nutzen-Verhältnis für Mutten: 75 Mio Leute kennen Obermutten, der Dorfwirt muß 50% seiner Arbeitszeit (laut eigenem Bekunden) opfern fürs Ausdrucken und Aufhängen von Leuten bzw. deren Fotos, welche einmal irgendwo auf der ganzen Welt einen Mag-ich-Mausklick gemacht haben. Er arbeitet somit nun zu 50 % dafür, daß eine Agentur sich auf seine Kosten beweihräuchern kann. Ohne, daß er dafür entlöhnt wird. Er wird ja kaum auf der Lohnliste von Jung von Matt stehtn. Und kaum jemand kommt nach Obermutten. Oder bezieht sich die Aussage zum Preisverleih hinsichtlich des Kosten-Nutzen-Verhältnisses auf die Agentur? Hm.

Es gehört zur jorunalistischen Fairneß, auch die Version der umstrittenen Agentur wiederzugeben, daher gilt auch hier: Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung:

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