Einwohner-Entwicklung im Domleschg: Wachsende und schrumpfende Gemeinden – Tschappina auf dem letzten Platz

15. Februar 2014
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(Remo Maßat) Die Einwohnerentwicklung im Domleschg: Während einige Gemeinden seit der Jahrtausendwende gewachsen sind zum Teil sogar über 12,7 % wie Thusis oder über 7 % wie Cazis, sind andere Gemeinden in derselben Talschaft geschrumpft.

Die Gemeinden Tschappina, Pratval, Rodels, Rothenbrunnen oder Mutten schrumpfen. Den mit Abstand stärksten Bevölkerungsschwund erlebt aktuell Tschappina mit einem Minus von rund 18 % im Vergleich zur Jahrtausendwende. Dies erstaunt, weil selbst sehr abgelegene Berggemeinden wie Feldis wachsen.

Einwohnerentwicklung Domleschg und nahe bzw. wirtschaftlich zuzuordnende Gemeinden (Quelle der Zahlen: Bundesamt für Statistik. Zusammenstellung: Remo Maßat / Domleschg24.ch.)

Einwohnerentwicklung Domleschg und nahe bzw. wirtschaftlich zuzuordnende Gemeinden (Quelle der Zahlen: Bundesamt für Statistik. Zusammenstellung: Remo Maßat / Domleschg24.ch.)

Cazis wäre noch stärker gewachsen, wenn man es ohne die Bergfraktionen betrachtet, welche eingemeindet wurden.

Würde man also allein die Entwicklung in den Talfraktionen berücksichtigen (Cazis und Summaprada) wäre der Anstieg größer als 7 %.

Generell ist festzustellen, daß – wie überall in Graubünden und auch gesamtschweizerisch zu beobachten – diese Gebiete am meisten Wachstum der Bevölkerung haben, in welchen die Verkehrsanbindungen gut sind (vgl. auch diesen Bericht hier). Das heißt nicht – Thusis ist das frappanteste Beispiel – daß sie sich auch wirtschaftlich und gesellschaftlich gut entwickeln müssen.

Bloßes Bevölkerungswachstum allein ist also kein Garant für guten oder hohen Bildungsstandard, gute Finanzlage und hohen Lebensstandard bzw. hohe Lebensqualität einer Gemeinde.

Sondern kann sogar das Gegenteil bedeuten, wobei dies nicht sein muß. Es hängt in starkem Maße von der lokalen Politik ab, was man aus einer Situation macht. Bei Thusis ist gegenwärtig zu beobachten, daß namhafte Firmen – man nehme nur das Beispiel Onax – abwandern.

Zu wichtigen Faktoren zählt auch die Sicherheit. Thusis schaffte es hierbei schweizweit in die Schlagzeilen, weil die Politik zuließ, daß der ganze Ort von einer Jugendbande terrorisiert wurde.

Aufgenommen wurde das Thema bezeichnenderweise anfangs nicht von der Südostschweizpresse, sondern von Medien, die nicht die Gemeinde Thusis als Inseratekunden haben. Wobei diese keineswegs Einzelfall ist und immer wieder zeigt, wie die Qualität im Journalismus leidet, wenn es keine Konkurrenz mehr gibt, siehe z. B. hier.

Apropos Qualität: Auch Lebensqualität in Form von schönen öffentlichen Plätzen, wie z. B. einer Fußgängerzone oder schöner Landschaft spielt eine Rolle. In Thusis gibt es ja seitens der lokalen Wirtschaft einige Bemühungen in punkto Fußgängerzone. Die Politik hingegen spielt hier keine erkenneswert positive Rolle, eher im Gegenteil.

Ebensowenig wie beim anderen Punkt Landschaft. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Burg Obertagstein, von der man nach einer Wanderung von Thusis aus eine gigantische Aussicht genießen könnte ins Domleschg, wurde zwar vom Burgenverein Graubünden instandgestellt, aber die Holzbrücke ließ man verkommen und Thusis sperrte schlichtweg die ganze Burg anstatt die paar Franken in die Hand zu nehmen, das touristisch wertvolle und auch für die einheimnische Bevölkerung in punkto Lebensqualität wertvolle Schmuckstück, zugänglich bleiben zu lasssen.

Es geht auch anders

Manche Tourismusgegenden waren früher wirtschaftlich schwach, haben aber einiges getan und sich zudem gut vermarktet. Und sind zum Teil heute sogar weltbekannt. Man sehe nur nach Flims-Laax-Falera mit seiner Weißen Arena. Wer mit deutschen Kunden zu tun hat und das Wort Domleschg oder das Wort Viamala erwähnt, hört: “Kenn ich nicht”. Das passiert etwa bei Flims nicht. Das Domleschg wie auch der Hauptort Thusis sind touristisch gesehen Wüste. Es ist kaum etwas von Marketing oder gar aktiver Vermarktung zu spüren.

Abgesehen von Feldis, welches sich aber zu großen Teilen selbst vermarktet – sehr zum Verdruß von Viamala-Tourismus – aber dennoch eben erfolgreich.

Marketing und Tourismus vernachlässigt

Tschappina etwa hat auf seiner offiziellen Webpräsenz etwa den Viamala-Veranstaltungskalender von 2011 verlinkt. Das Gästebuch der Gemeinde enthält auch Reklamationen über mangelnde Informationen, wobei zu sagen ist, daß viele andere Gemeinden genauso wenig ansprechende Internetauftritte haben. Man nehme nur die größte domleschger Gemeinde auf der Talseite Heinzenberg. Wirklich ansprechend oder gar touristisch ansprechend kann man das nicht nennen, was dort zu sehen ist. Trotzdem ist aber Cazis gewachsen. Allerdings ist Tschappina im Gegensatz zu Cazis auch wesentlich schlechter verkehrsmäßig zu erreichen.

Insgesamt aber ist die Einwohnerentwicklung so stark steigend, daß es sogar schon zu Sitzverschiebungen bei den Kreisen zugunsten der Talschaft kam. Im Domleschg gibt es die Kreise Domleschg und Thusis. Der Kreis Thusis bekam einen zusätzlichen Sitz. (Domleschg24.ch berichtete).

Eine Betrachtung von der Jahrtausendwende (Jahr 2000) bis Ende Jahr 2012 (neuere Statistiken liegen noch nicht vor). Inklusive Mutten, Rhäzüns und Bonaduz.

Tourist möchte gerne Ferien verbringen und übernachten, wird aber nicht fündig. Weder in Tschappina noch in Cazis, dabei hat es Gasthäuser und Ferienwohnungen (Bildschirmfotoausriß: Tschappina.ch)

Tourist möchte gerne Ferien verbringen und übernachten, wird aber nicht fündig. Weder in Tschappina noch in Cazis, dabei hat es Gasthäuser und Ferienwohnungen (Bildschirmfotoausriß: Tschappina.ch)

Und wer unter “Die Veranstaltungen aus der Region sind hier im Viamala-Veranstaltungskalender zusammengetragen.” klickt, erhält den Viamala-Veranstaltungskalender von 2011:

Viamala-Veranstaltungskalender 2011 als PDF auf der Webseite www.Tschappina.ch (Foto: Domleschg24.ch)

Viamala-Veranstaltungskalender 2011 als PDF auf der Webseite www.Tschappina.ch (Foto: Domleschg24.ch)

Unter dem Viamala-Veranstaltungskalender-Link mit den Daten von 2011 finden sich immerhin Veranstaltungshinweise aus dem Jahr 2014. Stattliche zwei Stück, davon ein Anlaß längst abgelaufen, der andere ein Töff-Teffen im Juni 2014, dazwischen passiert offenbar in der Gemeinde nichts. Der Eindruck entsteht für jeden Touristen. Ziemlich abschreckend für Touristen, die überlegen sollten, ob sie in Tschappina Ferien machen. Oder würden Sie irgendwo Ferien machen, wo fast ein halbes Jahr gar nichts los ist? Wohl kaum. (siehe Foto unten)

Dabei kostet eine aktuelle, moderne Webseite heutzutage so wenig.

Bildausriß: Webseite www.Tschappina.ch (Foto: Domleschg24.ch)

Bildausriß: Webseite www.Tschappina.ch (Foto: Domleschg24.ch)

Erstaunlich ist zudem, daß die verkehrstechnisch und sogar mit eigener RhB-Haltestelle versehenen Gemeinden Rodels und Rothenbrunnen schrumpfen. Nebst dem Zuganschluß an die Rhätische Bahn gibt es überdies noch das Postauto.

Gemeinden, die diesen Vorzug nicht haben, wie etwa Flerden, sind hingegen gewachsen.

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